Aquarell und Gouache

Im Laufe seines jahrzehntelangen Wirkens hat Kistler natürlich – wie andere Maler auch – mit unterschiedlichen Techniken gearbeitet – manchmal allerdings einfach nur deshalb, weil schwierige Umstände es zwingend erforderten. In erster Linie arbeitete er jedoch über die Jahrzehnte mit wasserlöslichen Farben, nie aber malte er in Öl.

Hervorgetreten ist er sicher vor allem als Aquarell-Maler – schon in den 30er Jahren bis ins hohe Alter. Aber natürlich war der Aquarellist der frühen Jahre noch lange nicht jener der späteren. Der Malerei mit diesen im Gegensatz zu z. B. Ölfarben nichtdeckenden durchscheinenden Aquarellfarben und ihren Möglichkeiten des Lasierens, des Lavierens (Nass- in Nass- und Verlauftechnik) oder auch – neben weiteren Techniken – der Kombination von Zeichnung und Aquarell hat er sich bei allen Sujets bedient – bei Stilleben und Portraits, in seinen Blumenbildern und natürlich ganz besonders in seinen Landschaften. Solche Bilder entstanden vor allem auf Japanpapier, dessen Struktur durch das Bild hindurch sichtbar bleibt, häufig auch auf Bütten-, selten auf Transparentpapier. Ein typisches Beispiel für die Anwendung der Laviertechnik – nur mit dieser sind so zarte, an manche fernöstliche Malerei erinnernde Farbverläufe möglich – ist das 1949 entstandene Bild
>Im Rhönnebel< .

Gouachefarben, ebenfalls wasserlöslich, im Gegensatz zu den nichtdeckenden Aquarellfarben aber deckend, verwendete der Maler ab etwa 1960, anfangs seltener, dann aber mit seiner mehr und mehr zunehmenden Entwicklung hin zu expressionistischen Darstellungen immer häufiger. Als Malgrund wurden verschiedene Büttenpapiere oder auch mehr oder weniger stark strukturierte und grundierte Baumwoll-, Leinen- oder Mischgewebe eingesetzt, Materialien, die einem Bild eine ganz besondere Oberflächenstruktur verleihen können. Eines jener Werke ist >Gran Cratere di Vulcano< , geschaffen 1988.

Vollkommene Aquarell-Malerei erfordert nicht nur viel Erfahrung und Können, sondern auch Disziplin. Fehler werden wegen der mehr oder weniger ineinanderfließenden und nicht deckenden Farben nur selten verziehen. Ist einmal an einer Stelle eine Farbe – vielleicht auch nur versehentlich – aufgetragen, kann dort kein Weiß mehr erscheinen, weil dieser Farbton durch das weiße Papier vorgegeben wird. Im Gegensatz dazu können – ähnlich wie bei Ölfarben – die deckenden Gouachefarben vom Malgrund wieder weitgehend abgenommen, ersetzt oder übermalt werden. Weiß entsteht dabei nicht durch „Weglassen von Farbe“, sondern eben durch weiße Farbe.