Das Frühwerk

Während seiner Münchner Zeit besuchte Kistler nicht nur immer wieder seine Heimatstadt Bad Kissingen, sondern streifte auch durch die Rhön und bereiste viele Gegenden Deutschlands, von den Alpen – mit Abstechern nach Österreich – bis hinauf zu Nord- und Ostsee, vom Bodensee bis nach Rügen und Ostpreußen. Dabei hielt er seine Eindrücke in vielen Zeichnungen und Aquarellen fest, die er zum Teil schon damals in Ausstellungen in München einer breiten Öffentlichkeit zeigen konnte. Zu jenen frühen Arbeiten gehören z. B. die Tuschepinselzeichnungen >Deichstrassenfleet< und >Dorf an der Werra< von 1935 und die im selben Jahr in der Lüneburger Heide entstandene Aquarellzeichnung >Bockmühle<.

Auf einer seiner Fahrten kam er Anfang der 1930er Jahre erstmals in das kleine Rhöndorf Platz, wo ihm ganz besonders die dort arbeitenden Menschen imponierten, die zu jener Zeit ein recht entbehrungsreiches Leben führen mussten, weil Landwirtschaft in dieser rauhen Gegend – die Winter waren damals noch lang und kalt mit viel Schnee und die Böden meist wenig fruchtbar – kaum ergiebig und Gewerbe so gut wie nicht vorhanden war. Das damals Gesehene hat er u. a. in den Aquarellzeichnungen >Der Holzschuhschnitzer<, >Am Gemeindebackofen< und >Der Steinklopfer< eingefangen. Weil die Originale dieser Arbeiten leider verschollen sind, können heute nur noch Schwarz-Weiß-Reproduktionen einen Eindruck vermitteln.

Von den seinerzeit geschaffenen Werken muss die Tuschefederzeichnung >Rhöner Ganshirt< aus 1937 besonders erwähnt werden. Sie zeigt im Vordergrund deutlich hervorgehoben einen alten Mann in schäbiger Kleidung mit den für die Rhön früher so typischen Holzschuhen und im schon stark zurückgenommenen Mittelgrund die von ihm bewachte Gänseschar. Der Hintergrund ist nur noch schwach angedeutet. So entsteht eine Staffelung, die dem Bild eine enorme Tiefe verleiht. Der renommierte Münchner Kunsthändler Ludwig Gutbier soll damals dazu gesagt haben: „Auch wenn Sie in Ihrem Leben nur diesen Rhöner Ganshirt geschaffen hätten, würde man Sie nicht vergessen!“

Ganz besonders hervorgehoben werden muss hier aber die so überaus ausdrucksstarke aquarellierte Federzeichnung >Gesicht der Rhön< aus 1938, die der Künstler trotz regen Interesses von vielen Seiten nie weggegeben hat und von der er selbst meinte: „Als ich dieses Bild geschaffen hatte, sind viele Zweifel gewichen, denn von da an wusste ich, dass ich gestalten kann“. Ob auf Ausstellungen oder im privaten Rahmen, immer wieder konnte man sehen, dass Betrachter sich gerade von diesem Werk – bei dessen Anblick viele unwillkürlich an Albrecht Dürer denken – ganz besonders beeindrucken lassen.

Etwa zehn der damals in der Rhön entstandenen Aquarelle und Zeichnungen hatte 1940 eine Militärdienststelle, nämlich das Heeresneubauamt Wildflecken, erworben. Trotz umfangreicher Nachforschungen ist leider unbekannt, was daraus wurde. Wie viele andere Bilder auch sind sie vermutlich in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit verschwunden.