Das Spätwerk

Heinz Kistler durfte 92 Jahre alt werden und es war ihm vergönnt, bis in dieses hohe Alter schöpferisch tätig sein zu können.

Schon in früheren Jahren konnte der aufmerksame Betrachter in des Malers Werk eine nach und nach zunehmende Abkehr von mehr oder weniger detaillierten Darstellungen mit eher zurückhaltender Farbgebung hin zur zunehmenden Reduzierung der Bildaussage auf das Wesentliche und den großflächigen Einsatz von meist leuchtenden Farben erkennen. Der Stil des Künstlers wurde expressiver und expressiver, eine Entwicklung, die sich bis in die letzten Tage seines Schaffens verfolgen lässt.

Aber nicht nur eine über die Jahrzehnte fortschreitende Entwicklung des Stiles lässt sich beobachten, auch die angewandten künstlerischen Techniken änderten sich. Standen am Anfang die Tuschezeichnung und vor allem über etwa vierzig Jahre das Aquarell im Fordergrund, wandte sich der Maler in den 1970er Jahren schließlich daneben auch der Gouache und der Pastellkreide zu. In den letzten Jahren seines Wirkens kehrte er jedoch ganz bewusst dorthin zurück, woher er kam, nämlich zur Aquarell-Malerei, jener Technik, die er so überlegen beherrschte und mit der er sein unverwechselbares Werk auch abschloss und krönte. Bilder wie die >Hochrhön-Wetterfichten< und der >Rhönherbstwald<, beide aus 2000, >Überm Spätherbstnebel< aus 2001 oder >Parklandschaft Südrhön< aus 2004, seinem letzten Lebensjahr, geben davon beredtes Zeugnis.

Es fällt auf, dass zu jener Zeit sein Schaffen noch einmal einen beindruckenden Schub erhielt. Einer der Gründe hierfür war wohl auch die Begegnung mit dem Vulkanologen Prof. Dr. Volker Lorenz im Jahre 1995. Zuvor war - der auch von Kistler verinnerlichte - Stand der geologischen Forschung, dass es in der Rhön wohl nie zu die Erdoberfläche durchdringenden Ausbrüchen gekommen war und die charakteristischen Kuppen daher durch aus dem Erdinneren aufsteigendes Magma nur aufgewölbt worden waren, der Basalt also unter der Oberfläche erstarrt war. So war es nur allzu natürlich, dass der Maler völlig überrascht und beeindruckt war, als der Naturwissenschaftler von neuesten gesicherten Erkenntnissen sprach, wonach es sehr wohl größere Eruptionen gegeben hatte. Der schon früher von Kistler geprägte Begriff Elementare Landschaft hatte für ihn in seinem Bemühen um eine künstlerische Interpretation der Landschaft eine neue erweiterte Bedeutung erlangt. In der Folge dieser Erkenntnis gestaltete er Bilder wie 2002 den >Abend im Berg<, 2003 dann die >Bergwelt Rhön<. 2004 interpretierte er einen >Märztag in der Vulkanrhön< und eine >Urzeitliche Landschaft<.

Gerade auch Bilder wie die hier gezeigten Spätwerke erinnern ganz besonders an das dem Maler bereits Jahrzehnte früher verliehene Attribut Maler der Rhön.

2002 – zwei Jahre vor Kistlers Tod – schrieb Dr. Erich Schneider, der Direktor der Kunsthalle Schweinfurt, anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung mit Werken Kistlers im Landratsamt Bad Kissingen: „Heinz Kistlers künstlerische Kraft ist ungebrochen, und doch ist sein Blick nach bald sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens ein anderer geworden. Die Themen ..... haben sich nicht geändert, wohl aber die Sehweise dieser Themen. Früher, da war der Blick bei aller Erfassung des Ganzen doch intensiv auf das Detail gerichtet ..... Von dieser Nahsicht, von dieser Kleinteiligkeit hat sich Heinz Kistler vollkommen gelöst. Er steht mit seinen 90 Jahren nun auf dem Gipfel des großen Berges und blickt hinsichtlich seiner künstlerischen Möglichkeiten auf die unruhige Kunstwelt weit unten zu seinen Füßen .....“. Treffender als mit diesen Zeilen lässt sich des Künstlers Spätwerk kaum beschreiben.