Der Weg zum Expressionismus

Auch wenn Kistler in die Hochzeit des Expressionismus – also die Zeit von etwa 1905 bis 1925 – hineingeboren wurde, war aber doch der Stil seiner frühen Jahre durchaus noch vom Naturalismus oder auch Realismus geprägt. Viele Werke aus den 30er und 40er Jahren sind fein beobachtete und detaillierte Federzeichnungen, oft auch – allerdings noch beinahe zurückhaltend – aquarelliert.

Erst gegen Ende der 1940er Jahre treten dann Details zunehmend zurück, werden die Farben leuchtender und der Stil tendiert in manchen Arbeiten etwas zum Impressionismus. Hierfür steht z.B. – neben anderen – die >Mainlandschaft bei Schweinfurt< , ein Werk aus 1953. Überraschenderweise schuf Kistler aber fast 20 Jahre später, nämlich 1969, als er sich schon längst einer eher expressionistischen Darstellung zugewandt hatte, doch noch einmal ein vom Impressionismus geprägtes Bild, nämlich das eine sonnendurchflutete Parklandschaft darstellende Aquarell >Prangender Sommer< .

Ab etwa Ende der 50er Jahre hatte er dann aber nach und nach den Weg zu einer expressionistischen Ausdrucksweise gefunden, zu jenem Stil also, der einmal als „repräsentativster deutscher Beitrag zur europäischen Kunst im 20. Jahrhundert“ bezeichnet wurde. Jetzt wird die ehemals zurückhaltende fein abgestufte Farbgebung immer intensiver, werden monochrome Farbflächen größer und ihre Abgrenzungen weniger ineinanderfließend, sind Details kaum noch oder garnicht mehr vorhanden. Der Ausdruck wird gesteigert, die Bilder werden auch dramatischer. Neben Aquarellfarben werden nun folgerichtig auch zunehmend Gouachefarben verwendet. Besonders deutliche Beispiele für die Tendenz hin zu einer immer mehr gefühlsbetonten und manchmal gar etwas mystischen – vom Naturalismus endgültig abgewandten – Darstellung sind Werke wie >Vulkanlandschaft auf Ischia< aus 1979, >Mooraugen< aus 1989 und >Maar der Rhön< aus 1991. Der Maler hat zu seinem persönlichen – hin und wieder sogar leicht abstrahierten – expressionistischen Stil gefunden.

Einige in den Jahren nach 1970 entstandene Bilder strahlen darüber hinaus noch eine gewaltige Dynamik aus und dürften wohl zu seinen besten Werken zählen. Hierzu gehören die Gouache >Hochmoor im Herbststurm< von 1979 mit den sturmgepeitschten Karpatenbirken und die im Jahr 2000 entstandene Darstellung einer flammenden Rhönbuche, dem auf einer seiner früheren Lithographien aufbauenden Aquarell >Im Herbstbergwind< , die Arbeit eines fast 90jährigen.

Dennoch ist sein Hauptwerk vielleicht weniger den Stilrichtungen des Expressionismus oder besser des Spät-Expressionismus zuzuordnen, sondern eher mit dem Begriff des Expressiven Realismus zu umschreiben, jenem Begriff, den der Kunsthistoriker Dr. Rainer Zimmermann prägte. Er wollte damit nicht einen bestimmten Stil, sondern eine künstlerische Grundhaltung definieren, eine Grundhaltung – oder auch künstlerische Auffassung -, die in Kistlers Bildern unübersehbar ist.