Ein Fränkischer Künstler

Der 1912 geborene und 2004 verstorbene akad. Maler und Graphiker Heinz Kistler, Nachfahre eines Kapellmeisters und eines Komponisten, verbrachte über 7 Jahrzehnte seines Lebens im unterfränkischen Bad Kissingen. In seiner heimatlichen Umgebung und auf frühen Wanderungen durch weite Teile Deutschlands entstanden in den 1930er Jahren, als er in München seine mehrjährige und vielseitige künstlerische Ausbildung erfuhr, erste Zeichnungen und Aquarelle, die schon damals in einigen Ausstellungen einem größeren Personenkreis bekannt wurden und teilweise auch bereits besondere Anerkennung fanden.

Als Soldat während des 2. Weltkrieges ermöglichten es ihm glückliche Umstände, sein zeichnerisches und malerisches Werk in Frankreich, vor allem aber in Russland und auch in Polen, fortzusetzen.

Nach Kriegsende kehrte er in seine Heimatstadt zurück und setzte seine freie Tätigkeit als Maler und Graphiker fort. Neben einigen anderen Arbeiten war es nicht zuletzt Kunst am Bau, die einen von vielen Problemen überschatteten Neuanfang ermöglichte.

Nach und nach entstand dann vor allem in den Landschaften seiner engeren Heimat ein umfangreiches und vielgestaltiges Gesamtwerk, in dem seine Naturverbundenheit und sein Blick sowohl für das große Ganze als auch für die intimen Details – so zum Beispiel auch in etlichen Portraits und Stilleben – intensiv zum Ausdruck kommen. Dabei kann die Entwicklung seines Stiles vom Naturalismus der Anfänge über den Realismus der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre sowie dann anschließend hin und wieder erkennbaren Elementen des Impressionismus bis zum späten Expressionismus als seine besondere Stärke angesehen werden.

Mit seinen beeindruckenden und mit den Jahren immer expressiver werdenden Darstellungen des in der Mitte Deutschlands im Grenzgebiet von Bayern, Hessen und Thüringen liegenden und im Erdzeitalter des Tertiär durch Vulkanismus geformten Mittelgebirges und heutigen Naturparks, jener Landschaft, der die Unesco das Prädikat Biosphärenreservat verliehen hat, wurde er bald zum weithin anerkannten

Maler der Rhön

Kistler verarbeitete aber nicht nur Motive seiner Heimat, sondern auch die einiger weiterer Landschaften Deutschlands und ganz besonders auch Eindrücke, die er auf Studienreisen in andere Länder gewinnen konnte. Erst ging er nach Schweden und in die Schweiz, später weilte er dann wie so viele andere Maler vor ihm auch in Italien.

Schon früh befasste er sich angesichts der Basaltkuppen der Rhön mit dem Vulkanismus, ein Bemühen, das ihn schließlich nach dem Besuch süditalienischer Vulkaninseln ganz besonders nachhaltig beschäftigte und ihn letztlich auch noch nach Island, der Insel der Gletscher, Geysire und Vulkane, führte. Folgerichtig widmete er nun einen großen Teil seines Schaffens den Urgewalten der Erde und stellte es unter den Titel Elementare Landschaft. Es ist jener Titel, unter dem eine von – neben mehreren kleinen – insgesamt vier größeren Dokumentationen seines Wirkens erschienen ist und auch eine über 25 Jahre öffentlich zugängliche Dauerausstellung eingerichtet wurde.

Sein ab etwa dem Beginn der 1960er Jahre entstandenes Werk kann man durchaus dem sogenannten Expressiven Realismus zuordnen. Es ist ein auf den ersten Blick vielleicht etwas widersprüchlicher Begriff, der aber dennoch in der einschlägigen Literatur erstmals in den 1950er Jahren mehrfach verwendet wurde. Eine genauere Definition lieferte dann 1980 der bekannte Kunsthistoriker und Kunstsammler Dr. Rainer Zimmermann. Er betrachtete den Expressiven Realismus allerdings nicht als eine bestimmte Stilrichtung, sondern als „ ... eine künstlerische Grundhaltung. Eine Haltung, die sich ihrer selbst bewusst geworden ist in der Ablehnung all jener Stilisierungsversuche, die seit der Zeit des Jugendstils die Erscheinungsformen der Malerei beherrscht haben ... “ und weiter „ ... so dass diese Maler, die – außerhalb der programmatischen Richtungen der modernen Kunst stehend – oft als Einzelgänger bezeichnet worden sind“. Zuvor hatte Paul Ferdinand Schmidt die Arbeit der Maler des Expressiven Realismus in seiner 1952 erschienenen Geschichte der modernen Malerei mit den Worten beschrieben: „Sie milderten die expressionistischen Kühnheiten zu einem Kompromiss mit malerischer Auswertung der Naturgegebenheiten“. Es sind – neben anderen – gerade diese beiden Aussagen von Zimmermann und Schmidt, die auf den Maler Heinz Kistler uneingeschränkt zutreffen.

Bei aller über die Jahre zu beobachtenden Entwicklung ist er aber stets dem, was er – manchmal schon in jüngeren Jahren – für richtig hielt, treu geblieben, hat sich nicht „verbiegen“ lassen oder irgendwelchen gerade aktuellen Strömungen angepasst. So war es daher auch sein daraus entstandener sehr persönlicher Stil, der die meisten Betrachter fast alle seine Werke überall – in Sammelausstellungen z. B. – unter anderen unschwer erkennen ließ.

Seine Geradlinigkeit war es auch, die ihn richtig böse werden ließ, wenn da jemand glaubte, sich mit vermeintlich moderner Malerei – letztlich aber ohne jeglichen inhaltlichen oder gestalterischen Wert – selbst verwirklichen zu müssen. Einer, der ihn und sein Werk gut kannte, nannte ihn „harter Brocken“, „Rhöner Sturschädel“ und „Urgestein der Rhöner Landschaft“.

Hervorgetreten ist er sicherlich vor allem als Zeichner und Aquarellist. Er schuf aber auch etliche Lithographien, Pastelle und Gouachen. Sehr viele seiner Bilder konnte er im Laufe der Jahrzehnte deutschlandweit in rund 70 Ausstellungen persönlich einem breiten Publikum zeigen. Nahezu 300 Werke fanden Eingang in kommunale und museale Sammlungen, darunter in regionale wie in Bad Kissingen, Schweinfurt und Würzburg, aber auch überregionale wie in Fulda, Köln und München. Es entstanden auch etliche Privatsammlungen.

Die vielen Ausstellungen und auch etliche Ankäufe fanden ein breites Echo in den Medien. Eines Tages wurde auch der Bayerische Rundfunk auf den Maler aufmerksam und es entstanden im Laufe mehrerer Jahre einige Produktionen mit ihm, die wiederholt im Bayerischen Fernsehen gezeigt wurden.