Kriegsjahre

1940 mußte Kistler dann das Schicksal von Millionen anderen teilen und Soldat werden. So kam er nach Frankreich, in Russland bis vor die Tore Moskaus und nach Polen. Immer hatte er seine Malutensilien bei sich und dokumentierte seine Beobachtungen. Dabei war er allerdings ganz und gar nicht einer von jenen, die das Erlebte in ihrer Kunst verherrlichten, sondern eher ein scharfer Beobachter von Zerstörung, Leid und Tod. Ganz besonders intensiv dokumentiert dies die 1942 entstandene düster kolorierte Zeichnung >Bei Rshew< . Angesichts solcher Interpretationen sollen engstirnige Zeitgenossen seinerzeit gemeint haben, sein Werk sei propagandistisch nicht verwertbar.

Es war daher wohl ziemlich einmalig, was dieser Wertung zum Trotz aber doch geschah: Der ranghöchste General des Heeres beobachtete in einer Stadt an der Wolga den trotz widrigster Umstände gedankenversunken zeichnenden Soldaten. Sichtlich beeindruckt soll er damals zu den Offizieren seines Stabes sinngemäß gesagt haben: „Schau'n Sie mal, meine Herren: hier sehen Sie das Beispiel eines ruhenden Poles unserer Armee“. Er übernahm Kistler in seinen Stab und gab ihm weitgehende Freiheiten, seine Erlebnisse und Beobachtungen in Bildern festzuhalten. Leider sind davon viele verschollen. Einige sind im Besitz von Museen.

Seine Ausnahmestellung gab ihm die Möglichkeit, nicht nur den Krieg, sondern auch Land und Leute darzustellen – und sie gab ihm auch eine gewisse körperliche Sicherheit. Vielleicht hat er deshalb eine ganz persönliche Sammlung damaliger Eindrücke unter den Titel „Überlebnisse eines Malersoldaten“ gestellt. Zu den Werken aus jener Zeit gehören neben vielen anderen die Aquarelle >Aus Sytchowka< und >Russische Wiege< , die heute im Besitz der Stadt Würzburg sind, sowie >Der Wasserträger< und vor allem die besonders gelungene 1943 entstandene Federzeichnung >Dorf bei Orel< .

1944 versetzte man ihn nach Krakau in Polen, verbunden mit dem Auftrag, die von Zerstörungen weitestgehend verschonte Stadt in vielen Bildern zu porträtieren. Der Verbleib fast aller dieser Werke ist heute leider unbekannt. Erhalten geblieben sind nur ganz wenige Originale wie etwa die Aquarellzeichung >Gotischer Raum< oder einige Schwarz-Weiß-Reproduktionen von Aquarellen wie z.B. >Partie an der Burg Krakau< und >Strasse zur Skalka< .