Neuanfang

Nach dem Krieg und kurzer Gefangenschaft in einem amerikanischen Lager, in dem er seine Situation mit Portraits von GI's verbessern konnte, kehrte Kistler, auch weil seine Münchner Atelierwohnung während eines Bombenangriffes zerstört worden war, nach Bad Kissingen zurück. Er war gefordert, für sich und seine Familie, die München bereits 1943 verlassen musste, eine neue Existenz aufzubauen, was für den freischaffenden Künstler angesichts der damaligen Umstände äußerst schwierig werden sollte. Natürlich schuf er auch in den ersten Nachkriegsjahren viele Bilder, aber wer wollte oder konnte damals, vor allem nach der Währungsreform 1948, ausgerechnet Kunst kaufen? Es gab sicher Wichtigeres und so mussten viele Gelegenheitsarbeiten wie Töpferei und Fliesenmalerei oder auch die seinerzeit üblichen Tauschgeschäfte – man könnte es Kunst gegen Nahrungsmittel nennen – über das Gröbste hinweghelfen.

Werbegraphik war ein weiteres Standbein. Neben zahllosen kleinen Arbeiten – z.B. für Kataloge – schuf er großformatige Plakate für etliche Firmen, zu vielen Spielfilmen und nicht zuletzt für die Kurverwaltung seiner Heimatstadt Bad Kissingen.

Erst etwa Mitte/Ende der 50-er Jahre begann sich die Situation durch Aufträge im Rahmen von Kunst am Bau etwas zu bessern. Dabei kam Kistler nun auch seine solide handwerkliche Ausbildung zu Gute, ohne die er wohl kaum in der Lage gewesen wäre, eine Vielzahl selbst entworfener Sgraffiti (Wandbilder in Kratzputztechnik in bis zu 4 übereinanderliegenden und unterschiedlich eingefärbten Mörtelschichten) wie z. B. >Musik, Tanz, Gastlichkeit< an der Fassade einer Gaststätte, >Welt der Musen< an einer Stadthalle oder >Bukolische Szene< an einem Wohnhaus vor Ort auch eigenhändig auszuführen.

Daneben entstanden zu dieser Zeit noch viele Wandmalereien, etliche Glas-Mosaiken und einige Glas-Beton-Fenster wie z. B. die >Elisabethlegende< , geschaffen für ein Altenheim.

Seine vielseitige und langjährige Ausbildung von der Malerlehre über die Meisterschule, die Staatsschule und schließlich die Akademie und die hier erwähnten mannigfaltigen eher handwerklichen Arbeiten in den ersten Jahren nach dem Krieg erinnern an einen Grundgedanken des von Walter Gropius stammenden Bauhaus-Manifestes: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine Kunst von Beruf. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels lässt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits des Wollens stehen, unbewusst Kunst aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werkmäßigen aber ist unerlässlich für jeden Künstler. Dort ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens“.