Versuch einer Würdigung

Aus der Vielzahl von Stimmen, die sich Kistlers Werk gewidmet haben, kann hier nur ein geringer – wenn allerdings auch aussagekräftiger – Teil wiedergegeben werden.

Professor Dr. Max H. von Freeden, der langjährige Leiter des Mainfränkischen Museums Würzburg, schrieb in einer Einführung zu einem ersten Bildband mit Kistlers Werken: „Heinz Kistlers graphische Ernte aus der Rhön und dem Tal der Fränkischen Saale gehört mit zum Eindruckvollsten, was seit den Tagen August Geists, Franz Leineckers und Fritz Bambergers über diese Landschaft mit Feder und Pinsel ausgesagt worden ist“.

Professor Heiner Dikreiter, der Begründer der Städtischen Galerie Würzburg, meinte im Jahr 1961 in einem Vorwort zu einer Ausstellung Heinz Kistlers in Köln: „Die Bilder dieses Malers sind echte, wahre und gesunde Aussagen einer reifen männlichen Kunst, die noch leben wird, wenn vieles von dem, was heute lärmend an die Rampe gestellt wird, längst vergessen ist“.

Ludwig Wiener, der Schweinfurter Journalist und langjährige künstlerische Wegbegleiter des Malers, ergänzte Dikreiters Ansicht später so: „Dem ist wenig hinzuzufügen. Kistlers Bilder sind von einer Souveränität, die aus dem Wissen vom Wesen der Dinge, der Landschaften, herrührt. Sie üben eine suggestive Wirkung aus, die den Betrachter gefangen nimmt. Die Räume sind weit und von einer gewaltigen Tiefenwirkung, mit der auch die Größe des Himmels einhergeht. So wird Natur zur Kunst“. Und er meinte auch – in Anlehnung an einen Artikel von Giorgio de Chirico, dem Vater des Surrealismus : „Dieses Drama der Qualität ist Kistlers oberster Grundsatz. Dabei ist es ihm gleich, ob er in einem Fall mehr nach der Natur oder mehr nach seiner geistigen Vorstellung malt. Eines aber wird das Bild immer sein: Vollendet gestaltet. Man kann es auch so sagen: Jedes Bild Kistlers ist eine Absage an Oberflächlichkeit“.

Von Professor Dr. Erwin Rutte von der Universität Würzburg stammt die Aussage: „Ein Maler von einer Frische und Kraft, die ihn weit von jedem Klischee entfernt. Tradition und Neuorientierung, gebunden durch ein strenges Wertgefühl, geben seinen Bildern eine über die Zeit hinausreichende Bedeutung. Kistler erfasst die so ausgeprägte und eigenwillige Landschaft der Rhön und ihre Menschen im ureigensten Charakter und unverwechselbaren Gesicht und Gesichtern. Nur wer immer und immer wieder die Rhön portraitiert hat wie der Künstler Heinz Kistler, der konnte so eindrucksvoll expressiv dieses prägnante Mittelgebirge darstellen. Kistler ist ein überaus kraftvoller Maler mit dem Sinn für Dynamik und mächtige Farbflächen, der sich seiner Kunst treu bleibt“.

Der Münchner Kulturredakteur Herbert Leunig schrieb 1991 in der Zeitschrift Bayerisches Kulturmosaik u. a.: „..... Kistler bedient sich des Unkonventionellen, um auf Eigentümlichkeiten zu verweisen. Der Rhönband macht deutlich: Kunst und Können verblenden nicht eine Fassade, die Heimat heißt, sondern bringen Mensch und Landschaft, beinahe mit Käthe-Kollwitz-Atem, zur Sprache. ..... Kistler schafft Bilder, die keine Naturnachahmungen sind, „sondern eine Vermehrung der Natur um neue, bisher unbekannte Erscheinungsformen und Geheimnisse“ (Hugo Ball über Kandinsky) bedeuten: Man vertiefe sich in seinen „Rhönwintertag“, in seinen „Herbstnebelabend“, in seinen „Rhönnebelwald“ – Aquarelle vergleichbar einem japanischen Haiku, das sprachspielerisch metaphysische Tiefe erreicht. Kistler verklärt nichts, er potenziert nichts. Er radiziert. Die Farbfugenstrenge bewahrt ihn vor Idyllik und Sentimentalität. Die Elementare Landschaft, die aus Feuer, Wasser, Erde und Luft besteht, versagt sich des heroischen Grandiosen, Ekstatischen oder gar Visionären. Was sich in Rot-, Blau-, Grün- und Gelbtönen aussingt, mag an einen Empedokles (490–430 v. Chr.) erinnern, der die vier Elemente (und damit die vier Farben) sich mischen und entmischen sah durch Liebe und Haß. Der Gedanke, der vom Faust des Altertums ausgesprochen wurde, dass Erkennen nur möglich sei, wenn zwischen Erkanntem und Erkennendem eine Affinität bestehe, mag auch Kistlers künstlerisches Denken, Fühlen und Handeln bewegen. Das gewissenhafte Auge eines malenden Forschers oder forschenden Malers jedoch verhindert bildhafte Wanderpredigt, konturloses Überreden und den legendären Sturz in den Farbfeuerschlund eines Ätnas“.

Aus Anlaß von Kistlers letzter selbstgestalteter Ausstellung im Jahr 1997 meinte Dr. Erich Schneider, der Direktor der Kunsthalle Schweinfurt: „Künstlerische Heimat des Meisters ist der Expressionismus aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Hier findet sich nach Kistlers Auffassung vielleicht ein letztes Mal ein geschlossenes Ganzes von Kunst und Weltbild, wobei man Weltbild sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn zugleich verstehen muß ..... Und doch sind Kistlers Schöpfungen keine intellektuellen Bilder, an denen nur das Bildthema wichtig wäre. Vielmehr gilt auch für diesen Künstler die Forderung nach vollendeter Gestaltung bis ins Detail“.

Zum 80. Geburtstag wurde dem Künstler 1992 „In Würdigung seines hervorragenden künstlerischen Wirkens“ die silberne Bürgermedaille der Stadt Bad Kissingen verliehen.

Im Jahre 2002 erhielt er dann „Für Verdienste um den Landkreis Bad Kissingen“ dessen Ehrenzeichen in Silber.